Es gibt einen Reihe von Leuten, die ein Bild der Unfehlbarkeit von sich in der Öffentlichkeit aufbauen und pflegen. Daraus beziehen sie ihre Autorität und glauben, dadurch einen höheren Anspruch darauf zu haben, auf die Fehler anderer hinzuweisen. Irgendwann stolpern diese Leute über ihre eigenen Füße und plötzlich stellen sie fest, dass sie sich mit ihrer Perfektheit selbst ein Bein gestellt haben. Sie sind nicht mehr in der Lage ihren eigenen Ansprüchen der Unfehlbarkeit gerecht zu werden. Neben dem aktuellen Fall Käßmann ist da auch Michel Friedman ein prominentes Beispiel.
Ganz deutlich tritt genau dieser beschriebene Charakterzug hervor, wenn sie sich nach ihrem Fehltritt reumütig winselnd zurückziehen und damit noch ein letztes Mal den Anschein von Geradlinigkeit erwecken wollen. In Wirklichkeit verkriechen sie sich unter ihrer Bettdecke und schämen sich.
Da hat sie nun Scheiße gebaut und macht dieselbe umso größer, indem sie von ihren Ämtern zurücktritt und die Leute hängen lässt, die sie am meisten unterstützt haben. Es erfordert Größe und Rückgrat, trotzdem aufzutreten und die Probleme anzugehen. Die Verhandlungsposition ist eine andere - nicht mehr von oben herab als Unfehlbarer belehrend, sondern auf gleicher Ebene. "Wir machen alle Fehler, wir sitzen im gleichen Boot, also lass' uns darüber sprechen, wie wir unsere Interessen in Einklang bringen können." klingt doch tausendmal besser als moralkeulenschwingend den Thron der Unfehlbarkeit einzunehmen und sich über die Fehlbarkeiten der anderen zu erheben.
Es ist doch genau das, was Charakter ausmacht. Man trinkt mal einen über den Durst, macht mal irgendeinen Scheiß, aber wenn man gebraucht wird, steht man auch wieder da und packt mit an. Es ist nicht mehr so einfach, der Heiligenschein hat einen Kratzer, aber ist das ein Grund, aufzugeben und sich zu verstecken? Das ist die eigentliche Schwäche, die sie da gezeigt hat und das zeigt auch, dass sie diese Position nicht aus eigener Kraft erreicht hat. Man hat sie hochgehalten und gestützt. Das ist ihr bewusst und genau das hat diese Fluchtreaktion ausgelöst.
Die Kunst besteht nicht darin, keine Fehler zu machen. Sie besteht darin, seine Fehlerhaftigkeit zu akzeptieren und trotzdem aufrecht zu gehen. Wie kann ich die Fehler eines anderen verzeihen, wenn ich bei meinen eigenen Schwächen nicht nachsichtig sein kann?
In meinen Augen hat sie nun doppelt versagt: Zum ersten hat sie sich gehen lassen und ist leichtsinnig geworden und zum zweiten flieht sie nun vor der Verantwortung und zeigt, dass ihr das Rückgrat für diese Position komplett fehlt. Solange man bewundert und hochgehalten wird, ist alles leicht und prima. Aber sobald der Gegenwind kommt und sich vielleicht zum Sturm entwickelt, muss man zeigen, ob man standhält oder zusammenbricht.
Kein Vorbild.